Von Kaufmann zu Kaufmann: Mich interessiert nicht zuerst die Technik
Wenn über künstliche Intelligenz in der Softwareentwicklung gesprochen wird, geht es schnell um neue Modelle, Coding-Assistenten oder automatisierte Entwicklungsprozesse.
Als kaufmännischer Leiter betrachte ich das aus einer anderen Perspektive. Für mich lautet die entscheidende Frage:
Verändert KI die Wirtschaftlichkeit von Softwareprojekten so stark, dass Unternehmen die klassische Entscheidung zwischen Standardsoftware und Individualentwicklung neu bewerten sollten?
Ich denke: Ja, zumindest sollten wir neu rechnen.
Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass Individualsoftware durch KI plötzlich billig wird oder Standardsoftware an Bedeutung verliert. Aber eine Annahme, die lange relativ selbstverständlich war, könnte zunehmend ins Wanken geraten:
Standardsoftware ist wirtschaftlich – Individualsoftware ist teuer.
So einfach war diese Rechnung schon früher nicht. Durch KI wird sie aus meiner Sicht noch weniger zutreffend.
Die klassische Rechnung greift häufig zu kurz
Nehmen wir einen Fachbereich, der einen bestimmten Prozess digitalisieren oder verbessern möchte.
Am Markt gibt es eine Standardlösung. Daneben besteht die Möglichkeit, eine eigene Anwendung entwickeln zu lassen.
Auf den ersten Blick lässt sich das einfach vergleichen:
Was kostet die Standardsoftware und was kostet die Entwicklung einer individuellen Lösung?
Kaufmännisch betrachtet ist das allerdings nur die erste Zeile der Rechnung.
Bei einer Standardsoftware kommen je nach Situation weitere Faktoren hinzu:
- Lizenz- und gegebenenfalls laufende Nutzungsgebühren,
- Einführung und Konfiguration,
- Anpassungen,
- Schnittstellen zu bestehenden Systemen,
- Datenmigration,
- Schulung,
- laufender Administrationsaufwand,
- notwendige Änderungen eigener Prozesse,
- zusätzliche Arbeitsschritte oder Workarounds, wenn die Software nicht genau passt.
Auch eine Individualsoftware verursacht selbstverständlich nicht nur Entwicklungskosten. Betrieb, Wartung, Weiterentwicklung, Infrastruktur und Qualitätssicherung gehören ebenfalls in die Betrachtung.
Deshalb würde ich die Entscheidung nicht auf „Kaufen oder Entwickeln?“ reduzieren.
Die bessere Frage lautet:
Welche Lösung bildet unseren Prozess über mehrere Jahre wirtschaftlich am sinnvollsten ab?
KI verändert einen Teil dieser Rechnung
KI kann heute verschiedene Tätigkeiten innerhalb der Softwareentwicklung unterstützen und beschleunigen. Das betrifft beispielsweise die Erstellung und Überarbeitung von Code, Tests, Dokumentation oder die Analyse technischer Zusammenhänge.
Das ist wirtschaftlich relevant.
Wenn bestimmte Entwicklungsarbeiten effizienter erledigt werden können, kann sich auch die Kostenstruktur einer Individualentwicklung verändern.
Aber genau hier ist aus meiner Sicht etwas Vorsicht angebracht.
Softwareentwicklung besteht eben nicht nur aus Programmieren.
Bevor eine gute Lösung entsteht, muss geklärt werden:
- Welches Problem wollen wir eigentlich lösen?
- Wie funktioniert der Prozess heute?
- Welche Anforderungen haben die Anwender?
- Welche bestehenden Systeme müssen berücksichtigt werden?
- Welche Schnittstellen werden benötigt?
- Welche Daten stehen zur Verfügung?
- Welche Anforderungen bestehen an Sicherheit und Rechte?
- Welche Funktionen schaffen tatsächlich einen wirtschaftlichen Nutzen?
KI kann uns bei vielen Tätigkeiten unterstützen. Sie beantwortet aber nicht automatisch die kaufmännisch wichtigste Frage:
Was sollten wir überhaupt entwickeln?
Der größte Kostenfaktor kann ein unpassender Prozess sein
Bei Investitionsentscheidungen schaue ich deshalb nicht nur auf den Preis einer Software.
Mich interessiert auch, was im täglichen Betrieb passiert.
Angenommen, eine Standardsoftware kostet weniger als eine Individualentwicklung. Dafür müssen Mitarbeiter dauerhaft zusätzliche Eingaben machen, Informationen zwischen Systemen übertragen oder einen Prozess anders abwickeln, als es für das Unternehmen eigentlich sinnvoll wäre.
Dann entstehen Kosten, die auf keiner Softwarerechnung stehen.
Zehn Minuten zusätzliche Arbeit pro Vorgang erscheinen zunächst unerheblich. Werden daraus jedoch viele Vorgänge, viele Mitarbeiter und mehrere Jahre Nutzungsdauer, sieht die kaufmännische Betrachtung anders aus.
Genau hier liegt für mich einer der wichtigsten Punkte beim Vergleich von Standard- und Individualsoftware:
Nicht nur die Software verursacht Kosten. Auch der Prozess verursacht Kosten.
Und deshalb kann eine auf den ersten Blick teurere Softwarelösung über ihren Lebenszyklus wirtschaftlicher sein.
Umgekehrt gilt natürlich dasselbe: Wenn eine etablierte Standardlösung einen Prozess sehr gut abbildet, besteht kein wirtschaftlicher Grund, diesen Standard individuell nachzubauen.
Individualsoftware ist kein Selbstzweck.
Standardsoftware bleibt häufig die richtige Entscheidung
Ich arbeite in einem Unternehmen, das individuelle Software entwickelt. Trotzdem halte ich Standardsoftware in vielen Fällen für die kaufmännisch richtige Wahl.
Wenn ein Prozess weitgehend standardisiert ist und eine vorhandene Lösung die Anforderungen gut erfüllt, spricht viel dafür, auf Bewährtes zurückzugreifen.
Warum sollte ein Unternehmen beispielsweise Funktionen individuell entwickeln lassen, die ein etabliertes Produkt bereits zuverlässig bereitstellt?
Interessanter wird die Entscheidung dort, wo die Abweichungen beginnen.
Wenn zahlreiche Anpassungen notwendig werden, zusätzliche Schnittstellen entwickelt werden müssen oder Mitarbeiter dauerhaft um die Grenzen einer Standardsoftware herumarbeiten, sollte man genauer hinschauen.
Denn irgendwann kann der Punkt erreicht sein, an dem ein vermeintlich günstiger Standard teuer wird.
Die entscheidende Frage lautet für mich: Wie wichtig ist der Prozess?
Ein weiterer Aspekt wird bei Build-or-Buy-Entscheidungen aus meiner Sicht häufig unterschätzt.
Nicht jeder Unternehmensprozess hat den gleichen Stellenwert.
Bei einem weitgehend standardisierten administrativen Vorgang ist eine Standardlösung oft naheliegend.
Anders kann es bei einem Prozess aussehen, der wesentlich dafür ist,
- wie ein Unternehmen seine Leistungen erbringt,
- wie schnell es reagieren kann,
- wie Mitarbeiter zusammenarbeiten,
- wie Kunden bedient werden oder
- wie sich das Unternehmen vom Wettbewerb unterscheidet.
Je wichtiger und individueller ein Prozess für das eigene Geschäftsmodell ist, desto berechtigter wird aus meiner Sicht die Frage:
Soll sich unser Prozess an eine Software anpassen – oder sollte sich die Software an unseren Prozess anpassen?
Das ist für mich keine technische, sondern zunächst eine unternehmerische Entscheidung.
KI könnte die Grenze zwischen Standard und Individuell verschieben
Genau deshalb halte ich die aktuelle Entwicklung rund um KI in der Softwareentwicklung kaufmännisch für interessant.
Wenn Entwicklungswerkzeuge leistungsfähiger werden und bestimmte Arbeiten effizienter unterstützen, kann Individualsoftware in Situationen wirtschaftlich interessant werden, in denen sie früher möglicherweise frühzeitig aus Kostengründen ausgeschlossen wurde.
Ich würde daraus aber nicht ableiten:
„Individualsoftware wird jetzt günstig.“
Meine Schlussfolgerung wäre wesentlich zurückhaltender:
Unternehmen sollten alte Annahmen über die Kosten von Individualsoftware nicht ungeprüft fortschreiben.
Wer vor einigen Jahren eine Build-or-Buy-Entscheidung getroffen hat, würde heute unter Umständen zu einem anderen Ergebnis kommen. Nicht zwangsläufig – aber die Rahmenbedingungen verändern sich.
Das gilt übrigens in beide Richtungen. Auch Standardsoftwareanbieter setzen KI ein und entwickeln ihre Produkte weiter. Die Entscheidung wird also nicht automatisch zugunsten der Individualsoftware ausfallen.
Sie wird vielmehr differenzierter.
Nicht Entwicklungskosten vergleichen, sondern Gesamtkosten und Nutzen
Wenn ich heute eine solche Entscheidung kaufmännisch bewerten müsste, würde ich mindestens fünf Fragen stellen:
1. Wie gut passt die Standardlösung wirklich zu unserem Prozess? Nicht nur in der Präsentation des Herstellers, sondern im täglichen Betrieb.
2. Welche zusätzlichen Kosten entstehen rund um die Standardlösung? Anpassung, Integration, Lizenzen, Migration, Administration und gegebenenfalls Prozessänderungen gehören zur Rechnung.
3. Welche Kosten entstehen bei einer Individualentwicklung über den gesamten Lebenszyklus? Neben der Entwicklung müssen Betrieb, Wartung und Weiterentwicklung realistisch berücksichtigt werden.
4. Welchen wirtschaftlichen Wert hat ein optimal unterstützter Prozess? Zeitersparnis, weniger Fehler, bessere Datenverfügbarkeit oder schnellere Abläufe können einen erheblichen Unterschied machen.
5. Wie strategisch wichtig ist der betreffende Prozess für unser Unternehmen? Je näher die Software am eigenen Geschäftsmodell liegt, desto wichtiger kann die Passgenauigkeit werden.
Erst danach würde ich entscheiden.
Mein Fazit: Neu rechnen lohnt sich
KI verändert die Softwareentwicklung. Wie groß die wirtschaftlichen Auswirkungen langfristig sein werden, lässt sich heute noch nicht endgültig beurteilen.
Eines halte ich aber bereits jetzt für sinnvoll:
Wir sollten unsere bisherigen Denkmuster überprüfen.
Die Entscheidung zwischen Standardsoftware und Individualsoftware sollte nicht nach dem Schema „Standard ist günstig, individuell ist teuer“ getroffen werden.
Entscheidend ist die Gesamtbetrachtung:
Was kostet uns die Lösung? Was kostet uns der damit verbundene Prozess? Und welchen Nutzen erhalten wir dafür?
KI kann die Entwicklungsseite dieser Gleichung verändern. Sie nimmt uns die kaufmännische Bewertung aber nicht ab.
Und vielleicht ist genau das die interessanteste Entwicklung: Nicht jede Individualsoftware, die gestern wirtschaftlich ausgeschlossen wurde, muss es morgen noch sein.
Von: Martin Neumeier, Kaufmännischer Leiter bei der SSA SoftSolutions GmbH
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